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Archiv des Autors: last magister

„Aber wirklich geglaubt haben wir nicht, dass unsere Zeit begrenzt war.“

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Persönliche Gedanken zum Tod von Christa Wolf

Es ist nun schon die zweite Autorin dieses Jahr gestorben, deren Werke mir viel bedeuteten und die ich nie das Glück hatte, live zu erleben oder gar zu sprechen (Eva Strittmatter starb im Januar). Nun schreibe ich zwar nächste Woche eine wichtige Prüfung, aber bevor alles gesagt ist zu Christa Wolf (die Nachrufe kann man heute schon lesen) und ihren Büchern und die mediale Meinungsbildung abgeschlossen ist, will ich mich äußern, denn ich verdanke ihr einen dieser magischen Momente, die Bücher, Filme, Kunst auslesen können und in denen man kurz das Gefühl hat, einen Blick auf die platonischen Wahrheiten geworfen zu haben, etwas verstanden zu haben, eine Antwort zu haben auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Genau genommen sind es sogar zwei Erkenntnisse.

„Es war dieser merkwürdige Sommer. Später würden die Zeitungen ihn »Jahrhundertsommer« nennen, trotzdem würde er von einigen seiner Nachfolger noch übertroffen werden, infolge gewisser  Veränderungen der Strömungsverhältnisse über dem Pazifik, die zu einem »Umkippen« des Ozeans und noch unabsehbaren Verschiebungen in der Großwetterlage über der nördlichen Halbkugel geführt hätten. Davon wußten wir nichts.
Wir wußten, wir wollten zusammensein. Es kam vor, daß wir uns fragten, wie wir einmal an diese Jahre denken, was wir uns und anderen über sie erzählen würden. Aber wirklich geglaubt haben wir nicht, daß unsere Zeit begrenzt war.“

(Sommerstück, 1989, Leseprobe)

Als ich diese Zeilen zum ersten Mal las, war ich gerade achtzehn geworden, mein Abitur stand mir in wenigen Monaten (oder waren es nur noch Wochen?) bevor und ich sollte im Deutsch-Leistungskurs einen Vortrag über dieses Buch halten. Ob ich es mir ausgesucht habe, weiß ich nicht mehr genau. Ich war aber schon nach diesen ersten Zeilen der Buches froh darüber. Ich las es aus der Perspektive eines Mädchens, das nur noch diesen einen Sommer hat, bevor die Schulfreunde sich in die Welt verstreuen und nichts wieder so sein wird, wie es bis dahin jeden Tag war. Oder wie es im großartigen Film Schule so sinngemäß heißt: „Ich sehe nicht mehr jeden Tag in den ersten fünf Minuten drei Leute, mit denen ich mein ganzes Leben verbracht habe.“ Das war vorbei, wir wollten es aber genau so wenig wahrhaben, wie der Freundeskreis um Christa Wolf, der damals aufs mecklenburgische Land zog, um in der Idylle der Landschaft zusammen zu sein. Auch wir wollten zusammen sein, für immer, der Sommer nach dem Abi war eine endlose Reihe von Partys und Sonne und Ausflügen und endlosen Wochen in einer Hütte. Nur wir. „Ein paar Figuren, hingeworfen auf einem in leuchtenden Farben gehaltenen Grund, darüber ein Himmel, hochgewölbt, tiefblau, wolkenlos, gegen Abend goldgetönt, schließlich nachtschwarz, bestückt mit einer Unzahl von Sternen. Jetzt! schrie alles uns an. Wie ein Hetzruf, der einem ins Blut geht: Jetzt! Jetzt! So schrien die Dinge uns um Erlösung an.“ Christa und ihre Freunde, sie hatten die Bauernhäuser, das flache Land, die Apfelbäume, die weißen Haufenwolken, die über endlosen Weizenfeldern dahinziehen, die lauen Sommerabende. Wir hatten Abende in der Aue am Fluss, Lagerfeuer, Gitarrenklänge, Pläne, alles war offen. Jedoch: „Es sollte nicht sein.“ Nicht im Sommerstück, nicht bei uns. Im Buch ging das Haus in Flammen auf, die Freunde verstreuten sich. Wir suchten Studienorte, hatten nicht immer Einfluss darauf. Klar, wer wichtig ist, der bleibt, auch über Entfernungen. So wie in diesem Sommer wird es dennoch nicht wieder sein. Und mir war, als hätte das Buch mir das sagen wollen, also hätte ich mit meinem Vortrag alle warnen wollen. DAS ist die Zeit. Wir müssen sie nutzen.

„Damals, so reden wir heute, haben wir gelebt. Wenn wir uns fragen, warum der Sommer in der Erinnerung einmalig erscheint und endlos, fällt es uns schwer, den nüchternen Ton zu treffen, der allein den seltenen Erscheinungen angemessen ist, denen das Leben uns aussetzt. Meist, wenn der Sommer zwischen uns zur Sprache kommt, tun wir so, als hätten wir ihn in der Hand gehabt. Die Wahrheit ist, er hatte uns in der Hand und verfuhr mit uns nach Belieben.“

Inzwischen weiß ich, dass der Text noch eine weitere Ebene hat. Dass die Freunde, allesamt Künstler und Intellektuelle, quasi aufs Land geflohen waren, vor dem Land, in dem sie lebten. Vor dem unbarmherzigen System der DDR. Einfluss konnten sie keinen mehr nehmen, so muss es sich jedenfalls angefühlt haben, und so versuchten sie, in der Idylle, im privaten Glück, im Beieinander sein ZUFRIEDEN und wahrhaft GLÜCKLICH zu werden. Und sind gescheitert. Das ist die zweite Erkenntnis, sie ist noch nicht allzu alt. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen!“, schreit mich der Text an. Sie konnten es damals nicht, wir heute auch nicht. (Wir flüchten nach wie vor, in perfekte Wochenenden, mit langen Nächten unter Sternen und Spaziergängen querfeldein durch perfekte Wiesen und das Gefühl, wirklich Zeit füreinander zu haben.) Wir können es uns gemütlich einrichten, können Familie und Freunde um uns scharen oder Gemeinschaft zumindest vorgaukeln via Facebook und Co., obwohl wir gezwungen sind, Zeit für sie und Lebensortwahl vom Job abhängig zu machen. Wir können so tun, als würde für uns alles funktionieren, obwohl jeden Tag Menschen verhungern und sinnlos sterben. (Aber das ist ja weit weg, das hat ja nichts mit uns zu tun, beruhigen wir uns.) Wir können wandern gehen und CO2 sparen und so tun, als wäre unsere Natur nicht gefährdet. Wir können kaufen, kaufen, kaufen und glauben, somit unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Wir können uns von Scripted Reality, Castingshows und ach so sympathischen Werbefilmen entspannen und einlullen lassen, es ändert nichts an den Methoden der Macher und daran, dass Menschen dafür ausgebeutet werden. Das Sommerstück unserer Welt ist vielleicht bald vorbei.

„Wir wollten zusammensein. Manche Tiere haben diese Witterung, lange ehe man sie zur Schlachtbank führt. Vergleiche, nicht zu rechtfertigen, auch nicht zurückzunehmen. Wir wußten nichts, es gab keine  Anzeichen. Unter nichtigen Vorwänden suchten wir jeder die Nähe des anderen. Ein Alleinsein würde  kommen, gegen das wir einen Vorrat an Gemeinsamkeit anlegen wollten.“

Danke für diesen Augenöffner, Christa Wolf, und für diese vielen PERFEKTEN Zeilen.

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Tschüß, Sommer, nochmal

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Grau ist es draußen, schon richtiges Novemberwetter. Nach vorn raus kann ich nur Häuser sehen, nach hinten wären bunte Bäume, aber wer arbeitet schon im Schlafzimmer? Ich muss mich noch einmal erinnern, wie sich der Sand an meinen Füßen angefühlt hat. Noch ein harter Monat ist zu überstehen, dann beginnt die „Lichtlzeit“ im Erzgebirge und alles wird wieder gemütlich. Dann habe ich auch meine schriftliche Prüfung in germanistischer Sprachwissenschaft, nächste Woche beginnt das Lernen erneut…

Tschüß, Sommer(-urlaub)

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In den Dünen von Sylt

Nach den Prüfungen und einigen Wochen, in denen aufgrund von Sommer und Motivationslöchern wenig magisterarbeitmäßiges geschah, haben mein Freund und ich uns eine Woche Urlaub gegönnt. Ist leider auch schon wieder ein Monat her. Hab aber sogar freiwillig zwei Stunden im Strandkorb in einem Buch für meine Arbeit gelesen. So mit Blick auf Meer und Dünen fiel mir das gar nicht so schwer. Nur für das eigene Glück zu leben, war viel zu gut. Mee(h)r!!! :)

Vertrau auf dich

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Das ist die Lehre, die ich aus der letzten Woche ziehen kann. Und die ich euch als Motto jetzt so da hinknall, denn es mag abgenutzt und klischeemäßig klingen, aber ich mein es genau so. Die mündlichen Prüfungen waren hart, dreimal war mir schlecht, mein Herz klopfte bis zum Hals. Dreimal habe ich noch auf der Hinfahrt gelernt – während der roten Ampelphasen. Dreimal habe ich dann auf Fragen antworten müssen, die mich teilweise hinters Licht führen wollten, die bewusst so formuliert waren, dass bloßes zustimmen zum vom Prof Mitgemeinten falsch gewesen wäre. Ich habe mich teilweise gut, teilweise sogar sehr gut geschlagen. Trotz durchgelernten Nächten und Last-Minute-Wissen-Aufsaug-Versuchen. Jede Lernbroschüre wird euch sagen, tut das nicht!!! Wenn dir aber fünf Minuten vorher nicht mehr einfällt, wie man einen Erzähler nennt, der zugleich die Hauptfigur der Geschichte ist (autodiegetisch), dann google das. Du wirst es nicht brauchen, aber dich besser fühlen. Ich war selten so müde, so aufgeregt, so ängstlich. Aber das ging vorbei. Frage anhören, durchatmen, auf sich (und das Gelesene) vertrauen, loslegen. Und dann: endlich wieder feiern gehen bis die Sonne aufgeht. Schön wars.

Anekdote am Rande: Selbstverständlich, der Ironie des Schicksals und Murphys Gesetz weiter folgend, streikte kurz vor der Prüfung in germanistischer Literaturwissenschaft mein Drucker. Die gelbe Patrone gab just während der Kopie eines Kreuzgedichts (etwa wie dieses hier) auf. Resultat: sattes leuchtendes Lila. Und keine Zeit für Patronenwechsel oder Copyshopbesuch. Also habe ich das Buch eingepackt. Wieso ich die falschfarbige Kopie trotzdem mitnahm, man weiß es nicht. Bestimmt meinte mein Unterbewusstsein mir da noch mal einbleuen zu müssen, dass das ja alles Geld kostet und deswegen nicht im Müll landen sollte. Was ich befürchtete, waren nun belehrende Worte zur rechtzeitigen Vorbereitung. Was tatsächlich folgte, war hellaufes Lachen meines Profs und Begeisterung für die moderne Farbgebung. War die meditatio, zu der die Kreuzgedichte dienten, so nicht unweigerlich intensiver? Wie in einem LSD-Trip? Ähnliches musste durch seinen Kopf geistern, er hatte seinen Spaß und ich meine 1,0.

Aber um nochmal zum Motto in der Überschrift zurückzukommen: Immer dann, wenn ich von einem Gedanken glaubte, dass er zu pathetisch oder unwissenschaftlich sei, reagierten die Prüfer mit Begeisterung, wenn ich ihn mitteilte. Am Ende der nahezu durchweg angenehmen Literaturprüfung attestierte man mir den Kopf und das grundlegende Verständnis einer Künstlerin. Was ich damit anfange, weiß ich noch nicht, aber dass jemand etwas derartiges in mir sieht, beweißt die Gültigkeit meines neuen Mottos. Das ist wirklich was drin, in mir, das lass ich jetzt raus. Freitag bekomme ich das erste Mal die Chance, einige meiner Fotos auszustellen.

Schicksal, was geht?

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Die erste mündliche Prüfung ist also geschafft, auch ganz gut, aber dazu andermal mehr. Ich hab ja schließlich keine Zeit! Und wie das so ist, dann passieren einem die dollsten Dinge. Fang ich mir doch tatsächlich am Sonntag noch nen Virus auf meinem Laptop ein und da sind plötzlich die Pdfs weg, die ich zum Lernen brauche. Zum Glück waren sie nur versteckt, warum auch immer, und fast alles hab ich wieder hinbekommen, was ziemlich Zeit gekostet hat, aber mal ehrlich Schicksal, einen Tag vor der Prüfung? Und dann heute der nächste Schock: Lebensmittelmottenlarven in meiner Küche! Also alle offenen Lebensmittel entsorgen und den Freund auf Larvenjagd schicken. Konnt ich gut gebrauchen. Morgen wird nicht mein Tag. Ach man, ich weiß sogar, warum das jetzt so kommen musste: Ich hätte eher anfangen sollen, für die mündlichen zu lernen. Danke für die Lektion, Schicksal…

Angst

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In zwölfeinhalb Stunden ist meine erste mündliche Prüfung. Ich versuche noch jede Form von Panik zu unterdrücken, denn ich muss mich noch konzentrieren und vorlernen, für die zweite Prüfung. Aber Angst bekomme ich immer mehr. Warum habe ich nicht eher angefangen? Hätte ich mehr machen sollen? Was passiert, wenn ich durchfalle? Ich muss bestehen. Und dann bin ich auch noch die erste morgen früh, da werden die Erwartungen hoch und der Prüfer fit sein. Was auch kein Problem sein dürfte, wäre ich gut vorbereitet. Bin ich gut vorbereitet? Ich weiß es nicht.

Lernbelohnung

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Tja, bis auf wenige tolle Abende mit meinen Freunden oder raren Stunden bei der Familie bleibt mir gerade nicht viel nennenswerte Freizeit, aber die versuche ich dafür zu nutzen. So richtig. Und deshalb hier ein paar Fotos der letzten Wochen, denn damit kann ich mich ganz gut fürs Lernen motivieren und belohnen, mit draußen sein […]

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